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Jean Baudrillard says...
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18.5.03
Gerrit says:
 
Es stimmt zwar, daß Kunst "ganz sicher aus Kunst entsteht und eine Entgegnung auf die expressionistischen Malerei überfällig war", es war jedoch eine ganz andere Frage, "welche Art Kunst es genau zu erlangen galt. Daß sich die Minimalisten dafür die extreme Abstraktion der holländischen/deutschen/russischen Bewegungen der Zeit vor dem ersten Weltkrieg ausgesucht hatten, hat zum Eindruck einer parallel verlaufenden Epoche geführt, in der die Erfassung gewaltiger unwiderruflicher Ereignisse von einer alles andere übertreffenden Bedeutung war. Dabei überrascht es wenig, daß es zu Änderungen kam: Die modernen Skulpteure kehrten den Europäischen Idealismus in Materialismus um (ein schlichter Fall amerikanischer Metaphysik), und preßten das mystisch Absolute des Idealismus in eine mathematische Logik hinein. Mit einem utopischen Ergebnis." (Jo Baer: Ich bin nicht länger eine abstrakte Künstlerin, Be Magazin #9)

Gerrit says:
 


Villeglé: A B C, 1959, Musée National d'Art Moderne, Cente Pompidou, Paris

Gerrit says:
 
Amerika aktiv, Europa passiv: Im Nihilismus entgleist
"[...] 'Der infame Rumsfeld' hörte man gewöhnlich als Bezeichnung für jenen wieder erstandenen Priester, der es gewagt hatte, vom 'alten Europa' zu sprechen. 'Blair, dieser Pudel' murmelte es in der Menge. 'Der menschlichste aller Kriege' sagte kühl das amerikanische Oberkommando. Dies lässt vor allem die Feststellung zu, dass das Wort 'menschlich' nicht mehr viel bedeutet. So geht's nicht, die Geschichte gerät aus dem Gleis. Man hielt sie für beendet, oder doch fast, aber sie geht aufs schönste weiter und lässt uns enttäuscht und sorgenvoll am Straßenrand zurück. Alles in allem setzen sich zwei Arten von Vernunft durch, eine aktive und eine passive. Darin treffen wir einen alten Bekannten wieder: die beiden Pole des Nihilismus in seiner weltweiten Vollendung.
Der aktive Nihilismus erhebt überall und in jedem Augenblick die Technik zum Souverän. Wenig bedeuten ihm die Mittel, das Zerbrechen von Bündnissen, die offiziellen Motive, die Rechtfertigungen. Er hat es eilig, er verfügt über den Himmel und die Satelliten, er gestaltet die neuen Grenzen, er ist verdammt demokratisch und hochgradig positiv. Es ist der Geist, der sich stets selbst bejaht, der Wille zum Willen, der seine Angst vor der Nichtigkeit, das elektronische Knistern der Verzweiflung über die fehlende Verzweiflung immer weiter zurückdrängt. Er sagt ein energisches Nein zu den Hindernissen, die er auf seinem Weg findet. Einen Diktator stürzen, wenn es sein muss? Man stürzt ihn. Er war früher ein Handelspartner, und man schloss die Augen vor seinem Machtmissbrauch, seinem Foltern, seinen Verbrechen? Was wollen Sie, sein Land und seine Rohstoffe werden jetzt gebraucht, er behagt uns nicht mehr, er ist ein Hund, er hat die Tollwut. Man lief schon Gefahr, zu spät dran zu sein, das planetarische Zeitalter wartet nicht. Wir befinden uns nicht mehr in der alten Moderne, die Dinge haben sich geändert, die Logik und die Sprache auch. Sie befürchten einen Zusammenprall der Kulturen, neue Religionskriege, ein Wiederaufflammen des Terrorismus? Aber sehen Sie, so war es immer schon, es handelt sich nur um eine starke Beschleunigung, und Sie wüssten es, wenn Sie nicht beschlossen hätten, die Geschichte und besonders die Ihrer eigenen Verbrechen zu vergessen. [...] Der aktive Nihilismus hat eine Funktion: alles zur Disposition stellen und, wenn nötig, zwingen, beherrschen, verwüsten, pausenlos wieder aufbauen und fälschen. Das ist nicht nur eine Frage des Profits, wie es noch die Humanisten alten Schlages glauben, sondern eine echte metaphysische Berufung. [...]
Der passive Nihilist, in Europa und sonstwo, ist Klage-Beauftragter. Er prangert an, er entrüstet sich, er klagt an, er demonstriert sein Missfallen, und das ist das mindeste, was man ihm zubilligen kann, um ihn, bisweilen mit Sympathie, in seinen Masochismus und seine Impotenz hineinzutreiben. Dort erhebt sich die große Woge der depressiven Leblosigkeit, ein lebloses Leben für eine unsichere und sich überstürzende Gegenwart, eine verflogene Vergangenheit und eine fliehende Zukunft. [...]" (Philippe Sollers: 11.9., Irak: die Geschichte entgleist, Süddeusche Zeitung, 17. Mai 2003)