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23.6.03
"In einer wilden Schlacht um den WM-Titel im Schwergewicht bombardierten sich Lewis und Klitschko über sechs dramatische und aufregende Runden, bevor der Ringrichter die Schlacht stoppte. Wer sagt, europäische Schwergewichtler können keinen Punch vertragen? Wer sagt, sie hätten kein Herz? Von der 2. bis zur 6. Runde standen sich beide Männer gegenüber und feuerten mit ihren besten Waffen. Beide steckten die härtesten Schläge weg und schlugen zurück. Wer sagt, europäische Kämpfer können keine Stars in den USA werden? Ein Star wurde am Samstag im Staples Center geboren, und es war der Verlierer der Schlacht." (Der Fernsehsender ESPN über den Kampf Klitschko vs. Lewis am 21. Juni im Staples Center in Los Angeles) 20.6.03
"So kündigt sich also ein langes, schönes Ende an. Es wird einige Zeit dauern, bis die neuen, aus dem Nichts auftauchenden Stämme sich an ihrer Beute satt gegessen, bis sie sie verdaut, ihren eigenen Verhältnissen angepasst, vervollkommnet und schließlich in eine Parodie ihrer selbst verwandelt haben werden. Doch bevor das eintritt, wird das alte Europa einen zweiten Frühling erleben. Während es in der Welt seinen Erfolg einbüßt, gewinnt es ihn für einige Zeit in den eigenen Augen wieder. Es wird Wohlstand, Sicherheit, Ordnung, Zufriedenheit und Exklusivität exportieren können, wie es bisher Autos, Kleidung und Essen exportiert hat. Natürlich wird man diese vielschichtige, empfindliche nichtmaterielle Ware ständig modifizieren müssen, damit sie den unberechenbaren Geschmack der unbekannten Völker trifft, man wird ständig ihre Attraktivität erhöhen müssen. Zumindest, solange die fernsten Ränder des Kontinents die Geheimnisse der selbstständigen Produktion noch nicht beherrschen. Nicht ausgeschlossen, dass das alte Europa dann nicht mehr gebraucht wird." (Andrzej Stasiuk in der Süddeutschen Zeitung vom 20. Juni 2003) "Der Plan für die kommenden Jahrzehnte sieht ungefähr so aus: Die Zigeuner werden mit ihren Wagen ankommen und mitten auf den Champs-Elysées ihr Lager aufschlagen, bulgarische Bären werden auf dem Berliner Kudamm ihre Kunststücke vorführen, halbwilde Ukrainer gründen in der Poebene, vor den Toren Mailands, ihre misogynen Kosakeneinheiten, besoffene und in Gebete versunkene Polen verwüsten die Weinberge an Rhein und Mosel und pflanzen dort Sträucher an, die mit reinem Spiritus gefüllte Früchte tragen, dann ziehen sie weiter, singen ihre Litaneien und halten erst am Rande des Kontinentes an, in dem erzkatholischen, für seine Wunder berühmten Santiago de Compostela. Schwer zu sagen, was die Rumänen mit ihren Millionen von Schafherden machen werden – zeichnet sich dieses Volk doch vor allem durch Schafzucht aus, zum anderen aber durch Unberechenbarkeit. Serben, Kroaten und Bosnier überqueren mit ihren dalmatinischen Einbäumen den Ärmelkanal und balkanisieren Britannien, das ein für alle Mal, wie von Gott befohlen, in Schottland, England und Wales aufgeteilt wird." (Andrzej Stasiuk in der Süddeutschen Zeitung vom 20. Juni 2003) 17.6.03
"Die EU, so bemerkte Jane Kramer vom New Yorker trocken, sei einfach kein 'sexy subject'." 11.6.03
Es legt den Schluss nahe, dass die Unterscheidung zwischen dem alten und neuen Europa heute nicht wirklich Sache des Alters oder Größe oder Geografie ist. Es ist eine Frage der Haltung - der Vision, die Länder zusammenbringt zu einem transatlantischem Verhältnis. Dann wäre das, was wir als Kultur empfinden, das Weiterwachsen der Fingernägel. "Aber eine Struktur wie die Vereinigten Staaten von Europa sieht auch nicht erstrebenswert aus – gemessen an Amerika sind wir untereinander zu verschieden. Zwischen Kiel und Hamburg liegt eine größere Entfernung als zwischen Boston und San Francisco. Und dann habe ich von Hódmezövásárhely noch gar nicht gesprochen. Womöglich wurde Europa bislang durch die Diktaturen auch geistig zusammengehalten. Durch den Widerstand gegen die Diktaturen. Aber was ist nun nach 1989? Wo befinden sich die Werkstätten für ein organisches Denken, von denen ein Europa-Bild ausgehen könnte? Solche Werkstätten gibt es nicht. Ohnehin fürchten wir uns - zurecht - vor Visionen. Wäre ich apokalyptischer veranlagt, würde ich Europa und den europäischen Geist als einen Toten beschreiben, und dann wäre das, was wir als Kultur empfinden, das Weiterwachsen der Fingernägel." (Péter Esterházy: Wir Störenfriede - Wie groß ist der europäische Zwerg?, Süddeutsche Zeitung 11. Juni 2003) "Amerika war in unseren Augen nie eine Großmacht, sondern immer schon ein Traum. Ein wichtiger Traum, der Fürst auf dem Schimmel, der uns entgegen reitet, um uns abzuholen. Ihm wäre dergleichen niemals in den Sinn gekommen (zum Beispiel 1956), doch hat sich für ihn dadurch vom Status her kaum etwas verändert. Die Arroganz dieser Großmacht konnten wir unsererseits nicht unmittelbar empfinden, aber auch nicht die schwere Last der empfangenen Hilfe. Bei uns gab es kein 1968, es gab keine Studentenbewegung, keine Aufarbeitung der Vergangenheit. In einer Diktatur gibt es nichts außer Diktatur. Und Menschen." (Péter Esterházy: Wir Störenfriede - Wie groß ist der europäische Zwerg?, Süddeutsche Zeitung 11. Juni 2003) "Zwar sehe ich keinen ernst zu nehmenden Grund, die neue Aufteilung (Kern – Nicht Kern) nicht mit den Wörtern erstklassig - zweitklassig zu übersetzen, aber ich möchte nicht auf diese üblich osteuropäische, ewig gekränkte Art sprechen." (Péter Esterházy: Wir Störenfriede - Wie groß ist der europäische Zwerg?, Süddeutsche Zeitung 11. Juni 2003) Vor einigen Monaten bin ich ein Neuer Europäer geworden "Früher war ich ein Osteuropäer, dann wurde ich in den Rang eines Mitteleuropäers erhoben, das waren schöne Zeiten (wenn auch nicht unbedingt meine persönlichen), es gab Centreljuropdriems, und Visionen und Bilder von der Zukunft, alles (alles, was man für einen Round Table benötigt, aber das ist schnell und ungerecht gesagt). Vor einigen Monaten bin ich ein Neuer Europäer geworden, doch bevor ich mich an diesen Zustand hätte gewöhnen oder ihn hätte ablehnen können, bin ich nun ein Nicht-Kerneuropäer. Mir ergeht es ähnlich wie einem, der immer in Munkács lebt, sein Leben lang Munkács nicht verlassen hat, und dennoch mal Ungar, mal Tschechoslowake, mal Sowjetbürger, dann wieder ein ukrainischer Staatsbürger ist. In unserer Gegend wird man auf diese Weise ein Kosmopolit." (Péter Esterházy: Wir Störenfriede - Wie groß ist der europäische Zwerg?, Süddeutsche Zeitung 11. Juni 2003) 9.6.03
In London wie in Berlin, Paris oder Washington "Keiner kann mehr die Augen davor verschließen, dass sich die demokratische Politik des 21. Jahrhunderts in einer Medienwelt der virtuellen Realität entfaltet, in der Auftritt und Schein den Vorrang vor der Wirklichkeit genießen. Das zeitgemäße Genre der Politik ist weder das Faktum noch die Fiktion, sondern die Faktion: Dokumentieren und Dramatisieren in einem, rund um die Uhr. Es ist nicht die Welt des Newspeak, sondern der News- Konzerne. Und sie wird nicht beherrscht von einer totalitären Bürokratie, sondern von einem vertraulichen, habituellen Zusammenspiel von Politikern, Spin-Doktoren, PR-Experten und Journalisten der Medienkonzerne, ein Spiel, das in London so funktioniert wie in Berlin, Paris oder Washington. Auf der Website von Rupert Murdochs News Corporation (www.newscorp.com) findet sich das Manifest der großen Mission: 'So wie unsere Unternehmen die Welt umspannen, umspannt unsere Vision Kunst und Humor, Kühnheit und Mitgefühl, Information und Innovation ... Jeden Tag erfüllen unsere Autoren und Schauspieler, Drucker und Hersteller, Reporter und Direktoren, indem sie Hunderte von Millionen Leute unterhalten und aufklären, unsere Mission'. Aufklärung, in der Tat." (Timothy Garton Ash: Es existiert gar nicht - Kampf der Matrix in der Politik, Süddeutsche Zeitung vom 7.6.2003) 25.5.03
"Denn Europa hat eine Vorstellung von sich selbst nicht nur in Kriegen und Friedensschlüssen gewonnen, es waren nicht die gemeinsame Sprache das Latein und die gemeinsame Religion das Christentum in all seinen Spaltungen - allein, die ihm die 'Idee' von sich zu bilden erlaubten. Europa hat sich auch gefunden, hat sich denken und sich ästhetisch über sich hinaus entwerfen können, weil es fortwährend neue Stilsprachen entwickelt, weil es eine Gotik, immer neue Renaissancen und tausend Varianten von Klassizismus hervorgebracht hat." (Ulrich Raulff: Der Gott des Augenblicks, Rezension der Ausstellung Idee Europa im Deutschen Historischen Museum Berlin, Süddeutsche Zeitung, 24.5.2003) "Angesichts der Fülle von Europaideen, die in den letzten Jahrhunderten auf den Markt gekommen sind, ist es gut, dass die Ausstellung sagt, worauf sie hinauswill: auf die Idee vom Frieden. Im selben Maße, wie Europa ein Bild von sich selbst entwickelt hat, hat es sich als friedensbedürftig, aber auch als friedensfähig begriffen. Der Traum vom Frieden, vom 'Ewigen Frieden' gar, ist die Utopie, die Europa dem Leiden an seiner Zerrissenheit, an seinem Sturz aus der neoparadiesischen Einheit der Christenheit in die blutige Realität der Konfessions-, Erbfolge- und Nationenkriege abgewonnen hat. So hat das Jahrhundert zwischen 1550 und 1650, das mit der Verschärfung der konfessionellen Gegensätze die 'Bellizität' und Selbstzerfleischung der europäischen Völker auf eine bis dahin nicht gekannte Höhe führte, am Ende auch zu einer Reihe von neuartigen, effizienten Instrumenten der Friedensstiftung und der Hegung des Krieges, des Völkerrechts und der Diplomatie geführt. Mehr als drei Jahrhunderte haben sie die Geschicke der europäischen Nationen bestimmt und sind zu Exportartikeln Europas geworden. Erst heute werden sie durch den neuen Herrn der Welt außer Kraft gesetzt oder in fluidere, machtförmigere Mittel transformiert." (Ulrich Raulff: Der Gott des Augenblicks, Rezension der Ausstellung Idee Europa im Deutschen Historischen Museum Berlin, Süddeutsche Zeitung, 24.5.2003) ![]() Robert Mangold: Circle In and Out of a Polygon 2, 1973. Acryl und schwarzer Bunststift auf Leinwand, 182,8 x 182,8 cm. Solomon R. Guggenheim Museum, Panza Collection 18.5.03
Es stimmt zwar, daß Kunst "ganz sicher aus Kunst entsteht und eine Entgegnung auf die expressionistischen Malerei überfällig war", es war jedoch eine ganz andere Frage, "welche Art Kunst es genau zu erlangen galt. Daß sich die Minimalisten dafür die extreme Abstraktion der holländischen/deutschen/russischen Bewegungen der Zeit vor dem ersten Weltkrieg ausgesucht hatten, hat zum Eindruck einer parallel verlaufenden Epoche geführt, in der die Erfassung gewaltiger unwiderruflicher Ereignisse von einer alles andere übertreffenden Bedeutung war. Dabei überrascht es wenig, daß es zu Änderungen kam: Die modernen Skulpteure kehrten den Europäischen Idealismus in Materialismus um (ein schlichter Fall amerikanischer Metaphysik), und preßten das mystisch Absolute des Idealismus in eine mathematische Logik hinein. Mit einem utopischen Ergebnis." (Jo Baer: Ich bin nicht länger eine abstrakte Künstlerin, Be Magazin #9) Amerika aktiv, Europa passiv: Im Nihilismus entgleist "[...] 'Der infame Rumsfeld' hörte man gewöhnlich als Bezeichnung für jenen wieder erstandenen Priester, der es gewagt hatte, vom 'alten Europa' zu sprechen. 'Blair, dieser Pudel' murmelte es in der Menge. 'Der menschlichste aller Kriege' sagte kühl das amerikanische Oberkommando. Dies lässt vor allem die Feststellung zu, dass das Wort 'menschlich' nicht mehr viel bedeutet. So geht's nicht, die Geschichte gerät aus dem Gleis. Man hielt sie für beendet, oder doch fast, aber sie geht aufs schönste weiter und lässt uns enttäuscht und sorgenvoll am Straßenrand zurück. Alles in allem setzen sich zwei Arten von Vernunft durch, eine aktive und eine passive. Darin treffen wir einen alten Bekannten wieder: die beiden Pole des Nihilismus in seiner weltweiten Vollendung. Der aktive Nihilismus erhebt überall und in jedem Augenblick die Technik zum Souverän. Wenig bedeuten ihm die Mittel, das Zerbrechen von Bündnissen, die offiziellen Motive, die Rechtfertigungen. Er hat es eilig, er verfügt über den Himmel und die Satelliten, er gestaltet die neuen Grenzen, er ist verdammt demokratisch und hochgradig positiv. Es ist der Geist, der sich stets selbst bejaht, der Wille zum Willen, der seine Angst vor der Nichtigkeit, das elektronische Knistern der Verzweiflung über die fehlende Verzweiflung immer weiter zurückdrängt. Er sagt ein energisches Nein zu den Hindernissen, die er auf seinem Weg findet. Einen Diktator stürzen, wenn es sein muss? Man stürzt ihn. Er war früher ein Handelspartner, und man schloss die Augen vor seinem Machtmissbrauch, seinem Foltern, seinen Verbrechen? Was wollen Sie, sein Land und seine Rohstoffe werden jetzt gebraucht, er behagt uns nicht mehr, er ist ein Hund, er hat die Tollwut. Man lief schon Gefahr, zu spät dran zu sein, das planetarische Zeitalter wartet nicht. Wir befinden uns nicht mehr in der alten Moderne, die Dinge haben sich geändert, die Logik und die Sprache auch. Sie befürchten einen Zusammenprall der Kulturen, neue Religionskriege, ein Wiederaufflammen des Terrorismus? Aber sehen Sie, so war es immer schon, es handelt sich nur um eine starke Beschleunigung, und Sie wüssten es, wenn Sie nicht beschlossen hätten, die Geschichte und besonders die Ihrer eigenen Verbrechen zu vergessen. [...] Der aktive Nihilismus hat eine Funktion: alles zur Disposition stellen und, wenn nötig, zwingen, beherrschen, verwüsten, pausenlos wieder aufbauen und fälschen. Das ist nicht nur eine Frage des Profits, wie es noch die Humanisten alten Schlages glauben, sondern eine echte metaphysische Berufung. [...] Der passive Nihilist, in Europa und sonstwo, ist Klage-Beauftragter. Er prangert an, er entrüstet sich, er klagt an, er demonstriert sein Missfallen, und das ist das mindeste, was man ihm zubilligen kann, um ihn, bisweilen mit Sympathie, in seinen Masochismus und seine Impotenz hineinzutreiben. Dort erhebt sich die große Woge der depressiven Leblosigkeit, ein lebloses Leben für eine unsichere und sich überstürzende Gegenwart, eine verflogene Vergangenheit und eine fliehende Zukunft. [...]" (Philippe Sollers: 11.9., Irak: die Geschichte entgleist, Süddeusche Zeitung, 17. Mai 2003) |
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